Oświęcim ist eine kleine Stadt in der Nähe von Krakau in Polen. Der auf den ersten Blick fast unscheinbare Ort erzählt uns noch heute von seiner Geschichte. Im Jahr 1940 wurde hier durch die SS das größte Konzentrations- und Vernichtungslager errichtet. Unter dem Namen Auschwitz 1 »Stammlager«, Auschwitz-Birkenau und Auschwitz-Monowitz vereinten sich drei Lager, in denen zum Großteil als Jüdinnen und Juden verfolgte Menschen unter unwürdigen Zuständen gefangen gehalten und massenweise hingerichtet wurden. Einige von ihnen entgingen der Ermordung, da sie für einen Arbeitseinsatz in Hamburg ausgewählt wurden. Insgesamt etwa 1000 Frauen wurden im Juni 1944 ans Dessauer Ufer gebracht und fortan im Lagerhaus G gefangen genommen. Die Überlebende Hédi Fried ist eine von ihnen. Sie erzählt, wie sie mit einer Gruppe von »arbeitsfähigen« Jüdinnen in ein Lager in Hamburg gebracht werden sollte: »Wir hatten das Todeslager verlassen. Vater lebte. Was machte es, dass wir nicht wussten, wohin wir fuhren? Von nun an wurde bestimmt alles besser. Ist man ganz am Ende, ohne jede Hoffnung, kann es nur besser werden.«(1)
Für uns war der Besuch in der Gedenkstätte Auschwitz im Dezember 2019 eine wichtige Erfahrung. 28 und 29 Jahre alt und noch nie in Auschwitz gewesen. Und jetzt – auf den Spuren des Lagerhaus G – hatten wir erst recht einen Grund. Unser erster Eindruck: Dieser Ort versteckt sich nicht. Er will sich mitteilen und ruft die Menschen laut zu sich hin. Dennoch lässt sich nur vermuten, wie groß das Leid und Schrecken damals gewesen sein muss. Sechs Stunden lang durchlebten wir die Führung durch das »Stammlager« und das Lager Auschwitz-Birkenau mit unterschiedlichen Gefühlen. Victoria: Erschrocken von der Ambivalenz zwischen der Aura des Ortes, die sich allein durch das Wissen über die Geschichte bildet, und dem Event-Charakter. Ich, Juliane: Mit einem Kloß im Hals, bemüht nicht zu weinen. Wir schlichen über die Wege zu den Baracken. Beim Betreten der Gebäude jedes Mal wieder dankbar, von unserer ›Tour-Guide‹ darüber informiert worden zu sein, was uns hinter der Tür erwartet. Mit monotoner Stimme (sie hat das wohl schon ein paar mal gemacht) erzählt sie uns von Schrecken und Grauen. Sätze wie »Wir müssen weitergehen, die nächste Gruppe kommt gleich.« reißen mich aus meinen Gedanken. Und dann geht es weiter zum nächsten Block, der mit den Stehzellen im Keller (ich dachte nur: »Fuck you«) und der Todesmauer nebenan. Kurzes Innehalten bevor wir weitergehen zum Block schräg gegenüber. Und plötzlich stehen wir in einer Ausstellung. Weiße, graue und schwarze Wände, die mich normalerweise erdrücken, ließen mich aufatmen. Mit typografischem Feingefühl gesetzte Tafeln erzählen auf gleiche monotone Art, wie wir es schon von unserer Guide kennen, von Chaos, Furcht und Leid. Die Aufarbeitung gibt mir das Gefühl von Abstand. Alles scheint sortiert worden zu sein. Wahrscheinlich um für den Betrachter irgendeinen ›Sinn‹ zu ergeben. Auch im nächsten Block, der mit den persönlichen Gegenständen der Inhaftierten, setzt sich dieses Prinzip fort: Schuhe zu Schuhen, Tassen und Teller, Koffer neben Koffer, Ein Berg voller Haare. Unsere Guide sagt uns, wie viel sie wiegen. Ich will es nicht hören und habe auch schon wieder vergessen wie viel es war. Was ich aber noch weiß: Sie gab die Menge in Tonnen an. In einem anderen Block konnte man in einzelne Zimmer blicken, in denen die Inhaftierten in Betten gelagert wurden. Ich sage gelagert, weil ich mir nicht vorstellen kann zu viert in einem Bett auf Stroh wirklich zu schlafen. Und dann sehen wir einen Schrank im Zimmer stehen. Einen, der genauso aussieht wie ein Schrank, der im Lagerhaus G im Keller steht. Immer wieder kommt es vor, dass wir anderen Gruppe begegnen und jedes Mal frage ich mich: Haben die auch die Sechs-Stunden-Tour gebucht? Oder gibt es noch längere Touren? Wissen die mehr als ich? Oder wissen die etwas anderes als ich?
Nach der Führung mussten wir direkt mit dem Bus nach Krakau um den Flieger am nächsten Tag zu erwischen. Abends waren wir noch auf dem Weihnachtsmarkt.