Juliane
»Lieber Audry, ich freue mich, dass wir uns heute über deine Arbeit als Typograf unterhalten können. Ich möchte dich kurz vorstellen: Du bist Designer, Typograf und Fotograf und leitest seit neun Jahren in Kinshasa das von dir gegründete Designstudio »academistes«. Neben deinen Schriften bietet ihr Leistungen an wie Design von Logos, Poster und Zeitschriften; ihr macht Fotoshootings, konzipiert sogar Veranstaltungen und strebt an, in Zukunft Ausbildungsplätze für Gestalter:innen anzubieten. So wie ich dich kennengelernt habe, interessierst du dich insbesondere auch für die Konzepte hinter dem Design. Als Gestalterin der Ausstellung bin ich direkt zu Beginn auf die Suche nach Schriftgestalter:innen gegangen, die einen persönlichen Bezug zu African Prints haben. Denn Schriften in ihrer Funktion als Symbole tragen Bedeutung und Kultur in sich. Viele Symbole sehen wir wiederum auch auf den in der Ausstellung gezeigten Stoffen. Welche Verbindung siehst du zwischen Typografie und den Symbolen, die auf Waxprints zu finden sind?«
Audry
»In der Typografie wie auch beim Wachsdruck trägt jede Form eine Botschaft und erzählt eine Geschichte. Die sich wiederholenden Muster der Stoffe erzeugen einen visuellen Rhythmus, der mit dem Rhythmus eines in einem Raster strukturierten Textes vergleichbar ist. Die Symbole auf den Textilien wirken wie Glyphen, die Überzeugungen, Status oder Ereignisse kodifizieren, ähnlich wie typografische Zeichen, die in einem bestimmten Kontext Bedeutung vermitteln. Diese Verwandtschaft beruht auf dem gleichen Streben nach Ausgewogenheit, Hierarchie und grafischer Erzählung.«

Juliane
»Und wie ist es in deinen Schriften, sind diese auch ganz konkret von Symbolen und Mustern inspiriert, die wir auf den Stoffen sehen?«
Audry
»Ja, in meiner Schriftart Pangi habe ich die rautenförmige Struktur von African Prints (pagne) aus dem Kongo übernommen, um das „A” zu zeichnen und die Struktur der anderen Buchstaben zu gestalten. Bei Nsai habe ich die Spiralen und Verflechtungen der Wachsdrucke in kontextbezogene Alternativen übersetzt und so den Wörtern rhythmische Variationen verliehen. Die Idee ist nicht, zu kopieren, sondern den Geist des Textilmusters in die Gegenformen und Ligaturen „einzuweben”.«
Juliane
»Es ist interessant, wie du als Typograf die Möglichkeit nutzt Geschichte zu transportieren und die Formen aus den Waxprints in deine Buchstaben »einwebst«. Kennst du auch den umgekehrten Weg, dass aktuelle oder auch historische Waxprints mit Typografie arbeiten? Gibt es da Beispiele von denen du erzählen kannst?
Audry
»Auf jeden Fall. Auf den Gedenkstoffen aus Zentralafrika sind seit langem Slogans, Namen und Bibelverse in typografischer Form zu finden. In Westafrika verwenden Adinkra-Stoffe ein Repertoire an kodierten Symbolen, die wie ein visuelles Alphabet funktionieren. Marken wie Vlisco oder Woodin integrieren heute stilisierte Buchstaben und abstrakte typografische Fragmente. Man sieht „zerbrochene”, fast schwebende Glyphen, die die Geometrie des Musters bereichern. Zeitgenössische Künstler verbinden Kalligraphie und Textil, um grafische Werke zu schaffen, die verschiedene Disziplinen miteinander verbinden.«

Juliane
»Du sprichst die Marke Vlisco an, deren koloniale Geschichte und postkoloniale Auswirkungen auch in der Ausstellung erwähnt werden. Wie spiegelt sich deiner Meinung nach die Kolonialgeschichte in den Mustern und Beschriftungen der Waxprints wider und wie wird damit heutzutage umgegangen?«
Audry
»Koloniale Waxprints sind oft mit Symbolen äußerer Macht verziert: Porträts von Monarchen, Firmenlogos oder Geldzeichen. Diese Bilder waren nicht nur einfache Verzierungen, sondern dienten dazu, die koloniale Herrschaft zu legitimieren, indem sie im Alltag vertraut wurden. Gleichzeitig interpretierten die afrikanischen Bevölkerungen diese Symbole neu und schufen so einen subtilen Dialog zwischen kultureller Auferlegung und Aneignung. Diese Verflechtung zeigt, dass Textilien zu einem Ort der Verhandlung über Identität werden können.«
Juliane
»Wie du schon sagst, sehen wir auch auf den Stoffen in der Ausstellung viele Symbole kolonialer Machtausübung – Abbildungen von Missionaren, christliche Symbole, Darstellungen politischer Ereignisse. Wie überträgst du diesen Gedenkcharakter historischer Stoffe auf deine Schriften?«
Audry
Für mich ist jede Schriftart viel mehr als nur ein grafisches Werkzeug; sie ist ein lebendiges Zeugnis. Ich betrachte sie als ein verkörpertes Archiv, das Fragmente des kollektiven Gedächtnisses in sich trägt. Metadaten wie beispielsweise der Name der Schriftart oder ihre Version enthalten wichtige Daten und Orte. Es handelt sich um bewusste Anhaltspunkte, wie Markierungen in einer kulturellen Chronologie. Ich arbeite auch mit Ligaturen und Alternativen als Hommage: Bestimmte Formen sollen an ursprüngliche Slogans oder Inschriften erinnern. Eine spezielle Ligatur für „BANQUE” (Bank), eine Alternative für „TRAVAIL” (Arbeit): Das sind typografische Gesten, die die Bedeutung der Wörter erweitern. In der Marketingpräsentation stelle ich meine Glyphen Fragmenten von Wachsdrucken gegenüber. Dieser visuelle Dialog unterstreicht die Kontinuität zwischen der Geschichte der Textilien und dem typografischen Charakter, zwei Sprachen, die auf ihre Weise erzählen und vermitteln.«
Juliane
»Die Wiederaneignung ist also ganz stark im Designprozess verankert – in der Neuinterpretation von Formen, in Metadaten, in Ligaturen, … Würdest du sagen, dass zusätzlich auch traditionelle Drucktechniken immer noch eine Rolle spielen? Und, wenn wir zurück auf deine Arbeit als Schriftgestalter schauen – Haben diese Techniken einen Einfluss oder stellen eine Inspiration für deine Arbeit dar?«
Audry
»Ja, sie spielen eine grundlegende Rolle. Traditionelle Drucktechniken verleihen eine physische und emotionale Dimension, die digital nicht reproduzierbar ist. Der Buchdruck beispielsweise inspiriert mich durch seine Tiefe und seine Unvollkommenheiten. Die Gravur regt mich dazu an, organischere, weniger starre Formen zu erforschen. Selbst bei der Gestaltung digitaler Schriftarten versuche ich, diese handwerkliche Schwingung einzubringen. Diese Verfahren beeinflussen den Rhythmus, den Kontrast und die Textur meiner Schriftzeichen. Sie verbinden mich wieder mit der Geste, dem Material, der Geschichte. Es ist eine Möglichkeit, Tradition und Moderne miteinander in Dialog zu bringen. Und vor allem, eine tief verwurzelte visuelle Identität zu bekräftigen. Jede Technik wird zu einer Quelle grafischer und kultureller Inspiration. Sie nährt meinen Ansatz der Wiederaneignung ebenso wie meine typografischen Entwürfe.«
Juliane
»In der Ausstellung gibt es auch einige Tiermotive zu sehen, wie zum Beispiel das Okapi. Ich weiß aus unserem Vorgespräch, dass das auch für den narrativen Ansatz deiner typografischen Arbeit eine Rolle spielt. Wie kommt das?«
Audry
»Ich sehe im Okapi eine Verbindung aus Zurückhaltung und Geheimnisvollheit, die die Subtilität meiner Glyphen inspiriert. Seine Streifen dienen mir als Leitfaden für den Rhythmus und den Abstand der Buchstaben. Ich übertrage seine natürlichen Kurven in organische Endungen. Jede Glyphe wird zu einem Fragment seiner einzigartigen Silhouette. Diese visuelle Erzählung verankert die Schrift in einer lokalen Identität. Das Tier fungiert als grafischer Erzähler, der Bedeutung vermittelt. Es führt die kongolesische Tierwelt wieder in das Alphabet ein. Dieser Prozess verleiht dem typografischen Design eine lebendige Dimension. Das Okapi wird so zu einem kulturellen und kreativen Leitmotiv.«
Juliane
»Schrift ist weitaus mehr als einfach nur eine Möglichkeit, Worte niederzuschreiben. Wir haben nun schon viel über die kulturelle Bedeutung von Schriften gesprochen, aber es gibt natürlich auch die technische Ebene – wir kennen Variable Fonts, Augmented Reality, Kinetische Typografie, Schrift in Mode, in Performance und immer mehr natürlich auch von künstlicher Intelligenz generiert. Welche Chancen siehst du hier für deine von afrikanischen Textilmustern inspirierten Schriften?«
Audry
»Auf jeden Fall, diese technischen Fortschritte eröffnen faszinierende Möglichkeiten. Mit variablen Schriftarten kann ich das Motiv zum Leben erwecken und anpassungsfähig machen. In der erweiterten Realität kann ich jede Glyphe in ein immersives Erlebnis verwandeln, bei dem das Textil zur Erzählung wird. In Schnittstellen verleihen meine Schriftarten eine starke visuelle Identität, die sowohl verwurzelt als auch zeitgemäß ist. In der Mode werden sie zu tragbaren Zeichen, zu verkörperten Botschaften. In der Performance werden sie lebendig, tanzen und treten in Dialog mit dem Körper. Und mit künstlicher Intelligenz kann ich aus traditionellen Mustern völlig neue Glyphen generieren. Es ist eine gemeinsame Schöpfung von Erinnerung und Maschine. Jede Technologie wird zu einem Ausdrucksmittel, um das afrikanische textile »Erbe in der Gegenwart zum Leben zu erwecken.«

Juliane
»Ich bedanke mich herzlich für den spannenden Austausch zwischen uns in den letzten Wochen und hoffe, dass wir ihn noch weiterführen. Wer weiß, vielleicht arbeiten wir ja nochmal in einem anderen Projekt zusammen. Zum Schluss möchte ich dich daher fragen: Was ist dein Standpunkt zur Verwendung deiner Schriften in Ausstellungen, die sich mit afrikanischer Kultur befassen? Und wie würdest du dich gerne in Projekte einbringen, zu denen du beispielsweise eine kulturelle Verbindung hast? Was sind deine Erwartungen und Wünsche an eine solche Zusammenarbeit? «
Audry
»Natürlich bin ich sehr stolz darauf, an einem Projekt teilzunehmen, das sich afrikanischer Kultur widmet. Ich bin der Meinung, dass meine Schriften respektvoll und bewusst mit ihren Ursprüngen umgehen sollten. Ich möchte mich frühzeitig einbringen, um die typografische Gestaltung mit der kulturellen Erzählung in Einklang zu bringen. Mein Engagement kann in Form von Workshops, Vorträgen oder kreativen Residenzen vor Ort erfolgen. Ich erwarte eine Zusammenarbeit, bei der jeder Partner die symbolische Bedeutung jedes einzelnen Zeichens versteht. Ich möchte, dass die typografische Arbeit in einen Kontext gestellt wird, mit Erläuterungen zu ihrem Entstehungsprozess. Ich strebe danach, dass das Publikum die Schriftzeichen anfassen, erleben und sich aneignen kann. Mein Wunsch ist es, Brücken zwischen lokalen Handwerkern, Besuchern und zeitgenössischen Designern zu schlagen. Gemeinsam könnten wir interaktive Module oder immersive Projektionen entwickeln. Ich bin überzeugt, dass eine solche Zusammenarbeit die Ausstellung als lebendiges Erlebnis neu definieren kann.«