Gabriel Schimmeroth – Kurator
Fünf intensive Jahre MARKK in Motion in einer Publikation: Welchen Zweck und welche Stimmung hat dieses Buch für Euch?
Anna Unterstab – Gestalterin dieser Publikation
In unseren ersten Gesprächen ist schnell klar geworden, dass die Publikation kein „Coffee Table Book“ sein soll, die den mehrjährigen MARKK in Motion Prozess als abgeschlossen, glatt und wohl portioniert darstellt. Die Intensität und Reibungen der MARKK in Motion Zeit – auch geprägt durch die Pandemie und andere Herausforderungen – sollen zur Geltung kommen. In der Vielzahl der Veranstaltungen gab es zahlreiche schöne und besondere Momente, diese Emotionen möchten wir sichtbar machen und festhalten.
Juliane Katzer – Gestalterin dieser Publikation
Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, die Publikation nicht nur als Prozessdokumentation zu gestalten, sondern als Arbeitsbuch, mit dem die in den vergangenen fünf Jahren erprobten Ausstellungen und Veranstaltungsformate reflektiert und neue Zusammenhänge geschaffen werden können. Wir wünschen uns, dass das Buch zu Antworten auf die Fragen anregt: Wie können Museen in Zukunft aussehen? Was soll nach dem Umbau des MARKK hier stattfinden? Mit dem Arbeitsbuch-Charakter haben wir uns in unserem Designprozess sehr stark auseinandergesetzt. Das fängt zunächst mit der äußeren Form des Buches an. Wir haben uns für ein recht kleines Format entschieden, um es gut händelbar zu halten. Darüber hinaus soll durch Papierwahl und Bindung ein möglichst biegsamer Buchkörper entstehen, damit es bequem durchgeblättert werden kann und gut in der Hand liegt. Der prozesshafte Charakter wird auch in den Inhalten des Buches sichtbar, zum Beispiel in den Fragebögen, die ausgefüllt und an das Museum zurückgesendet werden können oder die Seiten mit den kritischen Fragen vom MARKK ans MARKK. Auch die Anregung, mit Eselsohren und Post-Its zu arbeiten, entstand aus dem Wunsch, dass das Buch und seine Inhalte wirklich bearbeitet werden.
Was schließlich auch noch zum Charakter des Arbeitsbuches beiträgt, sind die vielen verschiedenen Schriften, die wir verwendet haben – eine Schrift pro Jahr. Das lockert die Struktur des Buches deutlich auf und führt dazu, dass es als offenes und unfertiges Archiv funktioniert. Übrigens – für alle Typografie-Liebhaber:innen: Schaut doch gern mal auf Seite 106/107 – Die Buchstabenformen unserer Cover-Schrift „DINdong“ sind dem kuratorischen Team auch auf ihrer Reise nach Douala begegnet.
Anna
Außerdem ist die Auswahl der Schriften – manche von ihnen sind kostenlose Open Source Fonts – eine Entscheidung gegen ein minimalistisches, vermeintlich neutrales Design. Wie auch die unzähligen Beteiligten und Besucher:innen, ist so die Arbeit vieler Schriftgestalter:innen repräsentiert und schafft eine grafische Vielstimmigkeit. Wir haben hunderte Fotos gesichtet und standen hierbei vor einer großen Herausforderung, da die Veranstaltungen sehr unterschiedlich dokumentiert sind. Die Bildwelt haben wir bewusst sehr demokratisch behandelt, professionelle Fotos befinden sich neben Handy-Schnappschüssen, wie auch große Ausstellungen gleichwertig neben kurzen Veranstaltungen von sozialen und aktivistischen Initiativen stehen und sich zum Teil überschneiden. Die Fotos umspannen die Seiten und es entsteht ein chronologischer Bild-Stream, der neue Bezüge herstellt und sich durch das gesamte Buch zieht. Die Grundfarben haben wir dem Design des Zwischenraums, wie den silbernen Vorhängen, entliehen und noch um zwei Violett-Nuancen ergänzt, auch in der Farbauswahl entsteht Reibung.
Wir möchten neben der Dokumentation auch einen bruchstückhaften Blick hinter die Kulissen ermöglichen, z.B. durch grafische Ephemera (digital und analog), wie Eintrittskarten, Skizzen und Screenshots, die über das gesamte Buch verteilt sind. Das Buch darf also ein bisschen

Gabriel
Als Einstieg in den Designprozess habt ihr Workshops bei uns im Zwischenraum mit Mitarbeiter: innen des Hauses aus unterschiedlichen Abteilungen gewählt. Könnt ihr von diesem Ansatz berichten?
Juliane
Anna und ich arbeiten in unserer Designpraxis viel und gerne mit Partizipationsprozessen. Für uns ist es der Inbegriff von guter Gestaltung, nicht von außen ein Konzept und eine Ästhetik über ein Projekt überzustülpen. Wir halten es für unsere Aufgabe als Designerinnen, das Projekt durch eine intensive Auseinandersetzung mit den Inhalten und vor allem mit den Personen und dem Netzwerk, welches diese Inhalte umgibt, zu durchdringen. Nur so können wir ein Gefühl dafür bekommen, was wirklich das Ziel der Akteur:innen rund um das Projekt ist. Und nur so entwicklen wir die notwendige Sensibilität, um das Projekt so umzusetzen, dass es auch von den Akteur:innen angenommen wird.
Anna
Wir haben die Workshops konzipiert, um die Stimmen von möglichst vielen verschiedenen Mitarbeiter: innen des MARKK zu hören. Um hierfür eine passende Ästhetik zu finden, war es uns wichtig, mit Hilfe von Design-Methodiken einen Dialog zu eröffnen und die verschiedenen Erfahrungen einzufangen. Im Workshop ist deutlich geworden, dass der Prozess noch nicht abgeschlossen ist und es einen weitergehenden Dialog im Haus braucht. Das hat die Fragebögen, die über das Buch verteilt sind, inspiriert. Während des Workshops sind ganz viele Erinnerungen und Anekdoten geteilt worden – zum Beispiel die Erfahrung von Weiqi (S. 379) und ihrem Sohn, die den Wunsch nach Veränderung, aber auch deren noch vorhandene Grenzen aufzeigen. Wir haben gemeinsam mit den Teilnehmer:innen entschieden, diese einfließen zu lassen und über die situierte Textebene der Zitate Inhalte zu vermitteln. Gleichzeitig reflektierten die Teilnehmer:innen ihre eigene Rolle und den Zwischenraum: Für wen ist beispielsweise Tageslicht im Ausstellungsraum und dass man dort essen darf eigentlich revolutionär? Was bewirken diese Öffnungen bei den Besucher: innen?
Juliane
Diese Zitate von internen und externen Personen haben wir deshalb auf eine typografische Ebene gehoben und sie so miteinander in den Dialog gebracht. Partizipationsprozesse enden leider oft bereits an dem Punkt, wo Stimmen von der Öffentlichkeit eingesammelt werden. Zum Beispiel in Ausstellungen, in denen man auf Karten seine Meinung oder Gefühle aufschreiben kann. Was mit diesen dann passiert, bleibt den Teilnehmer:innen aber oft verborgen und sie landen häufig nur in einer Schublade. Dabei geht mir direkt Markus Miessens einprägsamer Buchtitel „Alptraum Partizipation“ durch den Kopf, unter dem er sich gegen eine Romantisierung dieses Jede:rkann- hier-mitentscheiden-Gedankens stellt. Während unserer Arbeit an der MARKK in Motion Publikation haben Anna und ich aber die Möglichkeit erkannt, den Prozess direkt von Beginn an zu öffnen und die Anregungen der Beteiligten aus dem MARKK ganz konkret
Anna
Außerdem haben wir im Workshop mit großen Mindmaps an der Struktur des Buchs gearbeitet und an der Frage, was es leisten kann. Wir fragten uns, wie ein Buch zu einer Art Werkzeug, bzw. zur Toolbox werden kann. Deswegen gibt es verschiedene aktivierende Faktoren im Buch: Es ist eine Momentaufnahme eines sich fortsetzenden Prozesses. Diese Prozesshaftigkeit zeigt sich unter anderem durch die biegsame Klebebindung, aber auch die Aufforderungen, sich das Buch aktiv anzueignen und einzugreifen, die Poster aufzuhängen, zu verschenken, oder woanders wieder einzusortieren. Dadurch, dass Texte und Bilder gedreht werden und ihre Richtung ändern, bekommen die Leser:innen eine aktive Rolle und das Buch bleibt in ständiger Bewegung.
Gabriel
Was nehmt ihr aus der Arbeit an der Publikation zu MARKK in Motion mit für die weitere gestalterische Arbeit im Museumskontext?
Juliane
Ich hatte den Eindruck, dass es eine große Offenheit gegenüber unserer Gestaltungsarbeit gab. Als Designer:innen werden wir ja oft auch mit der Geschmacksfrage konfrontiert. Während unserer Arbeit hast du, Gabriel, uns großes Vertrauen entgegengebracht, dass die Ästhetik, die wir gewählt haben, zielführend sein wird. Das war klasse und passiert leider nicht bei jedem Projekt. Besonders gut ist für uns auch, dass wir in die Arbeit am Gesamtkonzept der Publikation und teils auch in die Inhalte einbezogen wurden. Unser Designverständnis endet nicht mit der Wahl von Farben, Schriften und Papiersorten. Ganz im Gegenteil: Uns ist wichtig, dass das Konzept stimmig ist – in dem Sinne, dass die gestaltete Umsetzung (in dem Fall dieses Buch) den vorher festgelegten Zweck erfüllt. Die Publikation „Aufbrüche“ will eben genau das – die Strukturen und Prozesse aufbrechen und sie aus neuen Perspektiven betrachten – um dann wiederum aufzubrechen in die Zeit nach dem anstehenden Umbau des Museums. Wir hoffen, dass wir durch unsere Gestaltung dieses sehr vielschichtigen Buches mit den von Anna beschriebenen aktivierenden Momenten, mit Unterbrechungen, Einschüben, Überlagerungen und kritischen Fragestellungen vom MARKK ans MARKK zu diesem Aufbruch inspirieren können.
Anna
Auch die Gestaltung von Ausstellungsräumen, Publikationen und Beteiligungsprozessen spielt eine wichtige Rolle in dem andauernden Dekolonialisierungsprozess von ethnografischen Museen, da Gestaltung keine unschuldige Disziplin ist, sondern Hierarchien festschreibt und Ausschlüsse (re)produziert. Für diese Thematik und das emanzipatorische Potential interessieren wir uns als sozial engagierte Designerinnen beide sehr und es ist erfüllend, unser gesammeltes Wissen über machtkritisches Design in der Praxis anwenden zu können und dabei selbst viel dazuzulernen.
Beim Gestalten müssen wir sehr sensibel vorgehen und unsere Gestaltungsentscheidungen immer wieder hinterfragen. Das erfordert Zeit, bzw. eine gewisse Langfristigkeit und ein tiefes Eintauchen in die Inhalte und das Kennenlernen der Akteur:innen, wie von Juliane beschrieben. Leider fehlt diese Zeit und eine gewisse Offenheit neuen Formaten gegenüber in der Zusammenarbeit mit kulturellen Institutionen regelmäßig. Diese Offenheit haben wir hier empfunden und hoffen darauf, diese auch bei künftigen Projekten zu erleben. Wir sind sehr gespannt, ob die Publikation als Werkzeug nach dem Umbau des MARKK noch wie gehofft Verwendung finden wird und ob die Fragebögen tatsächlich zurückgesendet werden.