Dieser Text widmet sich der Gestaltung der Ausstellung Muster & Märkte. Er beleuchtet Haltungen, die den Designprozess beeinflusst haben, und stellt raumgreifende und grafische Elemente der Ausstellung vor. Die Gestaltung der Ausstellung ist in einem transdisziplinären Team zwischen den Kuratorinnen und mir als Designerin entstanden. Ich spreche von trans- statt interdisziplinär, da wir unsere Disziplinen als Designerin und Kuratorinnen nicht nur gegenseitig sinnvoll ergänzt, sondern sie vielmehr ineinanderfließen lassen haben. Im gesamten Prozess habe ich das (studentische) Kuratorinnenteam insoweit in meine Arbeit einbezogen, dass wir gestalterische Entscheidungen gemeinsam treffen konnten und das Team zudem auch Aufgaben der grafischen Umsetzung übernahm. Andersherum war ich auch in die Arbeit des kuratorischen Teams involviert, indem ich gemeinsam mit ihnen schärfte, welche Aussage sie mit einer bestimmten Darstellungsweise im Raum erzielen möchten. Hier greifen inhaltliche und gestalterische Entscheidungen stark ineinander. Es war eine Freude, zu merken, wie dieses Zusammenspiel Auswirkungen auf die Gestaltung im Raum nimmt.

Zunächst möchte ich kurz darstellen, von welchen Einflüssen meine Designpraxis geprägt ist und welche Aspekte das transdisziplinäre Team im Prozess, also der Arbeit an der Gestaltung, beschäftigt haben. Diesbezüglich gehe ich auf Farben, Schriften und den Ausstellungsraum ein. In der Designtheorie ist das Prinzip des Funktionalen sehr präsent. »Form follows function« wird in vielen Ansätzen als Richtlinie für ›gutes Design‹ besprochen. Annette Geiger spricht in »Andersmöglichsein « über das Prinzip bzw. den Mythos »Form follows function« als »Zweck ohne Beiwerk« und stellt anhand eines Stuhldesigns klar, dass innerhalb der Funktion (dem Sitzen) immer zahlreiche Formen möglich sind. Sie weist auf die Schwierigkeit hin, dass aus dem Ziel des Funktionalen und der Problemlösung häufig der Gedanke des Universalen entsteht (der Stuhl muss für möglichst viele Körperformen nutzbar sein). Das Universale wiederum, so denkt sie weiter, stößt auf die Frage nach einem »normierten Durchschnittsmenschen« oder einem »Idealmenschen«. Schließlich folgert sie das Paradox, dass ein Stuhl in unserer bereits viel zu bequem gewordenen Kultur nicht die Lösung eines Problems darstellen kann.(1)
Welcher Funktion Design folgt, ist also beeinflusst davon, dass Gestaltung teilweise in Standards gedacht wird, die sich auch an rassistischen und patriarchalen Denkweisen orientieren und so marginalisierte Gruppen und Körper ausschließen. Es gibt einige Beispiele dafür, wie Design und Diskriminierung einhergehen können.(2) In Abgrenzung dazu, bedeutet Gestalten für mich beziehungsweise uns (das gestalterisch-kuratorische Team) und für die Ausstellung Muster & Märkte hingegen vielmehr, einen Diskursraum zu öffnen. Ziel war es, eine Sensibilität für die Schattenseiten der kolonialen Geschichte westfälischer Textilunternehmen auszubilden sowie offene Prozesse und Umsetzungen zu gestalten, die eine kritische Auseinandersetzung ermöglichen.
Gerade bei einem Ausstellungsthema wie unserem, welches tief in (post-)koloniale Strukturen verwoben ist, muss die eigene Perspektive kritisch reflektiert werden und sowohl im Prozess, als auch in der Gestaltung muss eine Offenheit praktiziert werden. Stark in Erinnerung geblieben sind mir dazu die Gedanken der Philosophin und Medientheoretikerin Alice Lagaay zum Thema »Zögern«: »Wer zögert, befindet sich in einem Zustand der Aufregung und erhöhten Wachsamkeit der Sinne, in einem Zustand des Seins in seiner vielleicht intensivsten und risikoreichsten Ausprägung. Mit Inaktivität oder Untätigkeit hat das Zögern somit gar nichts zu tun. […] In einer Welt, in der enormer Handlungsdruck herrscht, ist es an der Zeit, den philosophischen Muskel des Zögerns auszubilden und zu stärken: als jene Tugend, unser Tun zu unterbrechen, um unser Ohr auf das Offene und noch Unvorstellbare, das Vielleicht zu richten.«(3)
Schriften und Farben als sichtbarste oder naheliegendste Ausprägung von Grafikdesign können mit diesem Mindset bereits eine Offenheit transportieren. So haben wir uns dazu entschieden, die Farben der Ausstellung aus den Mustern der African Prints zu entlehnen. Das tiefe Weinrot, welches wir für die Displays genutzt haben, begegnete uns häufig in den Stoffen der Ausstellung und somit werden sie durch die Ausstellungsfarbe wertschätzend eingebunden. Die gezeigten Stoffe, die trotz hoher konservatorischer Ansprüche mit der Zeit ein wenig verblasst sind, lassen ihre ehemalige Farbintensität nur noch vermuten. Das knallige Gelbgrün, welches wir in der Ausstellung zu dem Weinrot kombiniert haben, bringt diese Farbigkeit zurück und nimmt Bezug auf aktuelle Textil- und Modedesigner: innen von African Prints, wie zum Beispiel NOH NEE und Buki Akomolafe, die solche intensiven Farben verarbeiten. Als Schrift für die Ausstellung konnten wir »Aukim« verwenden, die der Typograf Audry Kitoko Makelele uns empfahl.
Audry Kitoko Makelele betreibt in Kinshasa das Designstudio »academistes« und vertreibt seine zahlreichen Schriften auf Plattformen wie myfonts.com, dafont.com und fontsme.com. Zwischen Audry und mir hat sich ein lebendiger Austausch entwickelt, in dem wir neben der konkreten Empfehlung seiner Schrift für die Ausstellung auch auf seinen Bezug zu African Prints in seiner Arbeit als Schriftgestalter kamen. Aus diesem spannenden Mailverkehr entstand schlussendlich auch das Interview für diesen Katalog, in dem er mehr zu seiner Arbeit erzählt. Gerade bei der Schrift »Pangi«, die in diesem Katalog zum Einsatz kommt, setzte Audry Kitoko Makelele sich mit textilen Formen auseinander, wie er im Interview weiter beschreibt. Die Zusammenarbeit mit Audry und insbesondere seine spannenden Ansätze hinter der Gestaltung seiner Glyphen verdeutlichen mir, dass es wichtig ist, eurozentrische Sichtweisen auf Typografie in Frage zu stellen und den interkulturellen Austausch zwischen Typograf:innen und (Ausstellungs-) Gestalter:innen zu fördern.(4)
Ich möchte nun noch einmal konkreter auf die gestalterischen Elemente im Ausstellungsraum eingehen. Der Raum, in dem wir die Ausstellung Muster & Märkte realisieren durften, der sogenannte Drosselsaal des LWL Textilwerk Bocholt, trägt in seiner Atmosphäre Textilgeschichte in sich. Der raue Boden, die hohen Decken und nicht zuletzt die vielen Web- und Spinnmaschinen, die auch heute noch zu Vorführzwecken in Betrieb sind, dominierten den Raum bei unserer ersten Begehung. Unsere Ausstellung, die zwischen den rechts- und linksseitigen Maschinen Platz findet, lässt absichtlich Sichtachsen und Durchgänge frei. Anhand von starken raumbestimmenden Elementen sowie grafischen und interaktiven Bestandteilen der Ausstellung lässt sich die gestalterische Idee nachvollziehen:
1 – Die Stoffbahn
Die raumgreifendste Komponente der Ausstellung ist sicher das Display für die historischen African Prints. Beim Betreten des Raumes ist es das Erste, was ins Auge sticht und es zieht sich bis in die hinterste Ecke der Ausstellung durch. Auf die originalen Stoffe – Teils kleine Stoffmuster, teils größere Stoffstücke – haben wir somit in der Ausstellung einen besonderen Fokus gelegt. An ihnen knüpfen die Auseinandersetzungen in den einzelnen Ausstellungskapiteln an. Die Anordnung der Displayelemente erinnert durch die gleichbleibend breite Bahn und die verschiedenen Höhen und Schrägen an einen langen Drucktisch oder eine durch den Raum gelegte Stoffbahn.

2 – Der Veranstaltungs- und Forschungsbereich
In der Mitte dieser Stoffbahn zeigt ein beweglicher Tisch den Forschungsstand. Auf einer großen Fläche, die Arbeitsatmosphäre schafft, liegen die Bücher und Texte aus, mit denen die Kuratorinnen gearbeitet haben. Besucher:innen haben hier die Möglichkeit, sich weiter einzulesen. Was diesen Bereich aber besonders macht, ist seine Multifunktionalität. Der Tisch lässt sich auf Rollen bewegen und der Bereich, in den auch zwei große Displays und Sitzmöglichkeiten integriert sind, lässt sich leicht zur Veranstaltungsecke umbauen. Hierdurch schaffen wir die Möglichkeit, dass sich Personen aus dem Projekt- und Themenumfeld, wie Nachfahren kolonisierter Gruppen, Raum nehmen und in diversen Veranstaltungsformaten Bezug zur Ausstellung nehmen können. So wird die Offenheit gegenüber der kulturellen Herkunft der Stoffe auch im Raum verankert oder – um in textiler Sprache zu bleiben – verwoben.
Raum nehmen
Raum geben oder Raum nehmen? Ich beziehe mich hier auf eine Veranstaltung aus dem Zwischenraum im MARKK Museum.(5) Sogenannte Open Spaces gibt es inzwischen in zahlreichen Museen. Oft laden sie Besucher:innen dazu ein, die Museumsarbeit kritisch zu reflektieren und sich partizipativ einzubrin gen. Das MARKK stellte hierbei die wichtige Frage: Wird der Raum gegeben oder genommen? Letzteres betont die Idee von Museen als offene Institutionen, die im Austausch mit dem Publikum stehen oder, mehr noch, ihm zuhören. Ohne die Idee von Open Spaces kritisieren zu wollen (im Gegenteil), stelle ich mir die Frage, wie diese Idee einer Museums-Reflexionsebene nicht räumlich getrennt, sondern in die einzelnen Aus stellungen eingebunden werden kann. Die Veranstal tungsecke in der Ausstellung Muster & Märkte ist ein erster Angang.
3 – Thematische Vertiefungen
Die einzelnen Kapitel zur Vertiefung der Themenschwerpunkte orientieren sich am Rand der Ausstellungsfläche um die Stoffbahn herum. Diese Anordnung erarbeiteten wir im Prozess mit einem prototypischen Aufbau, den wir im STADT_RAUM im MKK Dortmund testen durften. Die Anordnung, welche im Prozess den Arbeitstitel »Rassistische Sprache sichtbar machen« hieß, soll verdeutlichen, dass hinter der Fassade der zunächst als schön, imposant, vielleicht sogar freundlich anmutenden Stoffe, eine (post-)koloniale Geschichte steckt, die mit rassistischen Sprachmustern und kolonialem Machtgefälle einhergeht. Die Vertiefung dieser Themen zum Rand der Ausstellung zu arrangieren, macht die thematische Rahmung der Stoffe deutlich und lässt keine Möglichkeit die Ausstellung ohne Betrachtung der Hintergründe zu verlassen. Die Inhalte in diesen vertiefenden Bereichen sind sowohl auf Stellwänden, als auch auf großen Tischen arrangiert. Die Form dieser Tische ist von geworfenen, zufällig hingelegten Textilien abgeleitet. Sie setzt somit noch einmal einen Kontrast zu den plan ausgelegten historischen Stoffen und gibt einen Hinweis auf die verschiedenen Herkunfts- und Anwendungs-Kontexte dieser Stoffe.
4 – Zickzack
Der Zickzack-Pfeil, der die Überschriften in der Ausstellung ziert und Orientierung im Raum bietet, findet seine Referenzen in zwei Aspekten des Herstellungsprozesses von African Prints. Bei näherer Betrachtung der ausgestellten Stoffe findet sich diese Zickzacklinie in den Mustern wieder – sie lässt sich beispielsweise als aneinandergereihte Dreiecke oder Rauten finden. Zu sehen ist sie aber auch bei den mit einer Zickzackschere ausgeschnittenen Stoffmustern, die in den Musterbüchern der westfälischen Textilunternehmen eingeheftet sind. Die Zickzacklinie trägt somit Spannung in sich: Zwischen den oft grafisch anmutenden Stoffen, in denen viele Symbole eine Bedeutung transportieren, und den Unternehmen, die sich unter Machtausübung die Muster und Fertigungstechniken aneigneten.
5 – Verdecken und Aufdecken
An mehreren Stellen in der Ausstellung finden sich explizit rassistische Darstellungen oder Sprache. Es handelt sich zum Beispiel um Fotografien, die mit kolonialem Blick aufgenommen wurden, sowie historische Dokumente mit rassistischer Sprache und Perspektive. Diese Objekte in der Ausstellung zu zeigen, ist wichtig, um die postkolonialen Strukturen zu verdeutlichen. Gleichzeitig wollen wir die rassistischen Darstellungen nicht reproduzieren. An diesen Stellen haben wir daher bodenlange Vorhänge eingesetzt, mit denen wir die Inhalte verdeckt haben. Besucher:innen werden so nicht ungefragt konfrontiert, sondern können selbst entscheiden, ob und wann sie sie aufdecken möchten. Unser Wunsch, auf sensible Art mit diesen rassistischen Objekten und deren möglicherweise (re-)traumatisierenden Wirkungen umzugehen, hat uns zu dieser Geste verleitet. Die Vorhänge ziehen sich als Element durch die gesamte Ausstellung und lassen somit zu, dass Besucher:innen die Wege durch die Ausstellung verändern und neue Bezüge schaffen.